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Deutschland, ein Dreiklassenstaat



Die Guttenberg-Affäre hat ein Schlaglicht auf die deutsche Klassenstruktur geworfen.

Erste Űberraschung: Man ahnte zwar, dass Deutschland nach Klassen strukturiert ist, aber man wusste nichts genaues darűber, und wollte es vielleicht auch gar nicht wissen. Nun wissen wir: es gibt drei Klassen in diesem Land: das Bildungsbűrgertum, die Guttenbergfans, und die Migranten.

Das Bildungsbűrgertum

ist eine schmale, aber durchaus zu spontaner Handlung fähige Schicht. Es ist schwer, ihre Kopfzahl zu schätzen: ein paar Hunderttausend, vielleicht eine oder zwei Millionen. Das Bildungsbűrgertum hat in der Guttenberg-Affäre zwar mit ein paar Tagen Verzögerung, doch dann energisch auf die Einhaltung akademischer Standards gepocht und den Verzicht des Ministers auf Amt und Wűrden gefordert. Mit Erfolg.

Die Guttenbergfans

haben sich als das eigentliche Volk entpuppt. Alle Umfragen zeigten, dass die Mehrheit der Deutschen das akademische Verhalten des Ex-Verteidigungsministers als lässliche Sűnde betrachtet und ihn im Amt halten wollte. Die Kopfstärke dieser Schicht liegt bei 60 oder mehr Prozent der Bevölkerung, also wenigstens 48 Millionen.

Die Migranten

hingegen zeigten sich an der Affäre desinteressiert. In den zahlreichen Internetforen und Artikelkommentaren fielen Migranten durch weitgehende Abwesenheit auf. Kein Wunder, sind doch die Modalitäten zur Erringung deutscher akademischer Titel in der Regel allenfalls fűr die zweite Generation von Interesse. Der Rest der Bevölkerung ist entweder schwankend oder uninteressiert.

Was lehrt uns die Guttenberg-Affäre?

Erstmals konnte man mit Erschrecken beobachten, wie ungebildet die Mehrheit der Deutschen ist, und was fűr wirren Ideen viele anhängen. Man ahnte es zwar, wenn man die Auflagen der Boulevardzeitungen und die Fernsehgewohnheiten der Bevölkerung kannte. Aber der direkte Beweis fehlte.

Den hat uns Guttenberg nun geliefert. In hunderttausenden Internet-Unterschriften und in Befragungen taten Deutsche stolz ihre Unwissenheit und Bildungsferne kund. Darin wurden sie bestärkt vom zynischen Journalismus der Boulevardpresse und der speichelleckerischen Gewohnheit vieler Politiker, dem Volke nach dem Maul zu reden und den längst gefallenen Kollegen doch noch ein Weilchen auf den Beinen zu halten.

Man darf gespannt sein, ob sich diese Politiker ihrer Sympathie fűr Guttenberg noch erinnern werden, falls die Aberkennung des Titels strafrechtliche Folgen nach sich ziehen sollte. Spätestens dann wäre wohl Schluss mit Wählerschmeichelei und Parteidisziplin. Aber wer weiss? Das Rechtsverständnis der Deutschen hat sich ja als űberraschend flexibel erwiesen.

Bemerkenswert ist auch, wie gefűgig die Mehrheit den argumentativen Pirouetten und gefűhlvollen Selbst-Inszenierungen des Nachwuchspolitikers und Schwiegermuttertraums folgte. Fraglos liegt sein grosses Talent auf diesem Gebiet, doch zeigte sich, dass sich das Bildungsbűrgertum im Gegensatz zur Mehrheit von der Show nicht täuschen liess.

Erschreckend ist, welche Argumente viele Guttenbergfans in Internetforen und Artikelkommentaren benutzten. Da wurde verkűndet, die meisten Doktortitel seien ohnehin gekauft. Da habe eine anonyme Bildungsmafia oder die linke Subversion den Hoffnungsträger der Rechten wegen einer Lappalie abgeschossen. Das Studium sei ohnehin Faulenzerei und Dissertationen seien meistens abgeschrieben.

Es ist sicherlich richtig, dass fűr viele der Guttenbergfans Begriffe wie Dissertation und Fußnoten böhmische Dörfer sind. Doch neben der schlichten Unwissenheit manifestierte sich auch eine wortstarke Bildungsfeindlichkeit, die teilweise als Ressentiment der weniger Gebildeten und Zu-kurz-Gekommenen verstanden werden kann, teilweise aber auch als eine quasi-anarchische Auflehnung gegen „das System“.

Ebenfalls erschreckend ist das Bild, das die Guttenbergfans von der Politikerkaste zeichnen. In ihren Kommentaren ist „Politiker“ eigentlich ein Schimpfwort. Die volkstűmliche Meinung űber die gewählten Volksvertreter ist derart negativ, dass Strahlemann Guttenberg trotz seiner Sűnden noch positiv von seinen Kollegen absticht und nicht nur Minister bleiben sollte, sondern auch fűr höhere Ehren qualifiziert wäre. Offenbar hat die Mehrheit der Deutschen kein Problem, diesen Mann trotz des Skandals als top-Politiker zu akzeptieren.

Als ob es erforderlich sei, das schlechte Image der Politiker noch zu verstärken, beeilten sich Fűhrungskräfte der CSU und CDU, ihre Loyalität zu dem Ex-Minister zu bekunden. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer erklärte, er wolle alles tun, um Guttenberg fűr die CSU und die Politik zu erhalten, und Baden-Wűrttembergs Ministerpräsident Stefan Mappus liess verlauten, Guttenberg sei in der CDU des Ländles auch in Zukunft willkommen. Man darf neugierig sein, ob diese Loyalitätsbeweise auch noch gelten werden, falls der Ex-Doktor – wie es in solchen Fällen geschehen kann – strafrechtlich belangt wird.

Der Fall Merkel

Am weitesten unter der Politikern wagte sich ausgerechnet Bundeskanzlerin Angela Merkel vor. Mit einem kaum glaublichen Mangel an Vorsicht und Einsicht, die Tatsachen ignorierend, erklärte sie bei einer Wahlkampfveranstaltung in Karlsruhe am Abend des 2. März: „Soviel Scheinheiligkeit und Verlogenheit wie jetzt in der Debatte um Karl Theodor zu Guttenberg war selten in Deutschland...” (Reuters Video).

Spassvögel wűrden sagen, es sei doch erfreulich, dass Merkel mit Guttenberg und seinen Fans so hart ins Gericht geht, doch nein, sie meinte es andersherum. Man mag ihre Worte als im Eifer einer Parteiversammlung unbedacht geäussert interpretieren: fűr das Bildungsbűrgertum, fűr die Ehrlichen und Anständigen im Lande sind sie dennoch ein Schlag ins Gesicht. Wie will sie diese Aussage denn korrigieren, falls die Staatsanwaltschaft Hof nach Niederlegung des Bundestagsmandats und dem Erlöschen der Immunität des Ex-Ministers Ermittlungen aufnimmt?

Die Affäre Guttenberg wird immer italienischer. Ein falscher Doktor muss seinen Hut als Minister nehmen, die Regierungspartei verteidigt ihn mit Klauen und Zähnen, das Volk jubelt ihm zu und will ihn wieder zurűck in Amt ohne Ehren sehen: wer wagt da noch, die Italiener zu kritisieren, die immer wieder Berlusconi wählen?

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—— Benedikt Brenner